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Diagnose 

Künstliches Kraut 


Andrea Six 

Schwankend läuft der 45-Jährige ins Spital ein. Mit Mühe und Not kann er erklären, dass er sich schläfrig fühlt. Mehr ist aus dem lethargischen Mann nicht herauszubringen. Während der Patient vor sich hin döst, stellen die Notärzte fest, dass Kreislauf und Stoffwechsel eigentlich gut funktionieren. Geistig ist der Mann eher abwesend. Zwar kennt er seinen Namen, über die Tageszeit kann er aber keine Auskunft geben. Nackenschmerzen oder Störungen in der Muskulatur, die auf eine Gehirnentzündung hinweisen würden, scheint der Patient nicht zu haben. Auch Blut- und Urintests helfen den Medizinern nicht weiter. Etwas ratlos beschliessen sie, den 45-Jährigen vorerst im Spital unter Beobachtung zu lassen. 

Während der Mann in seinem Bett döst, verschlechtert sich sein Zustand. Die Leber droht zu versagen. Tests, die eine Hepatitis oder eine Krankheit des Abwehrsystems anzeigen könnten, geben keinen Hinweis. Die Mediziner verabreichen dem Patienten Flüssigkeit und Medikamente über einen Tropf. Es bleibt nur abzuwarten. 

Drei Tage später kommt der 45-Jährige langsam wieder zu sich. Er gesteht, künstliches Cannabis konsumiert zu haben. Das in der Schweiz verbotene Produkt besteht aus einer unklaren Kräutermischung, die mit künstlich hergestellten Stoffen besprüht wird. Die Wirkung des Labor-Cannabis soll stärker als die des natürlichen Tetrahydrocannabinols der Hanfpflanze sein. Allerdings ist die tatsächliche Zusammensetzung der Produkte unklar. Zudem lässt sich synthetisches Cannabis mit herkömmlichen Drogentests nicht nachweisen. 

Den Ärzten ist die giftige Wirkung des Stoffs auf die Leber neu. Bisher war lediglich bekannt, dass Übelkeit und Erbrechen auftreten können. Als der Patient nach 10 Tagen endlich das Spital verlassen kann, fehlt ihm jegliches Interesse, sich weiter mit der Droge zu befassen. 

Quelle: «American Journal of Case Reports», 2014, Bd. 15, S. 584.